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Nach Italien: Nicht die Politik, sondern die Wirtschaft ist das Problem

  • Die Kernbotschaft aus Italien für Anleger lautet: Vergesst die Politik, habt ein Auge auf die Währungspolitik und die Wirtschaft.
  • Angesichts der erwarteten Zinserhöhung durch die US-Notenbank erwarten wir weiterhin, dass der Euro um 20 Prozent fällt – das macht US-Aktien aus europäischer Sicht attraktiver
  • Unter den anstehenden Wahlen im kommenden Jahr hat Frankreich das größte Potenzial, die Märkte in Bewegung zu versetzen – und das im positiven Sinne

Die entscheidende Abstimmung der vergangenen zwei Wochen war weder das “Nein” in Italien noch die Verhinderung des Rechtsrucks in Österreich. Das wichtigste Ereignis könnte vielmehr die Nominierung von Francois Fillon als Präsidentschaftskandidat der französischen Republikaner für die im nächsten Jahr anstehenden Wahlen in Frankreich gewesen sein.

Das Ergebnis des italienischen Referendums bedeutet einen Rückschritt für den Reformprozess, sowohl was die angestrebte Umstrukturierung des Oberhauses betrifft, aber auch in taktischer Hinsicht, da es für die Banken schwierig wird, sich frisches Kapital zu beschaffen. Außerdem verlässt mit Matteo Renzi nun ein Mann die Bühne, der sich für eine Neuregelung des Steuersystems und der Regionalverwaltung ausgesprochen hat. Das sind negative Vorzeichen für Italien, langfristig wird das Land damit vielleicht zu einem weniger stabilen Mitglied der Eurozone. In politischer Hinsicht aber sind nach dem Ergebnis nur wenige Überraschungen zu erwarten. Es steht der nächste Regierungswechsel an, eine weitere schwache Koalition, die sich irgendwie durchschlägt und noch eine Veränderung des Wahlrechts, die den Zuwachs der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung eindämmen soll. Auch der Ausgang der Wahl in Österreich markiert nicht wirklich einen politischen Wendepunkt. Norbert Hofer hat über 46 Prozent der Stimmen erhalten. Seine Freiheitliche Partei Österreichs dürfte insofern trotz der Niederlage eine starke politische Kraft bleiben.

Francois Fillons Sieg könnte hingegen das Potenzial für einen echten Paradigmenwechsel in der französischen Politik haben und sich so letztlich auch positiv auf die Wirtschaft auswirken. Zunächst gilt es jedoch, noch einige Schritte zu bewältigen: die Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr, die Parlamentswahl und dann möglicherweise ein mehrere Jahre in Anspruch nehmendes Ringen um wirtschaftliche Reformen. Es zeichnet sich jedoch eine breite Koalition unter den Sozialkonservativen ab, die ansonsten vielleicht für Marine Le Pen stimmen würden. Dies gilt ebenso für unzufriedene Wähler von Links und Rechts, die bei der gegenwärtigen Situation zu den Verlierern zählten und die von einer Reform profitieren könnten. Denn es ist der reformfreudige Manuel Valls, der unter den sozialistischen Kandidaten am beliebtesten ist. Wenn er also wie zu erwarten nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ausscheiden wird, könnte eine Mehrheit seiner Unterstützer im zweiten Wahlgang unter Umständen für Fillon stimmen.

Die Politik hält also für Anleger einiges an Gesprächs- und Diskussionsstoff bereit und sorgt gelegentlich auch für  Aufregung an den Märkten. In erster Linie sind dies aber nur kurzfristige Effekte, wobei sie vielleicht nicht immer wieder so schnell vorbei sein werden wie nach dem italienischen Referendum. Dabei kam es zu Kursverlusten, die am Devisenmarkt ungefähr sechs Stunden dauerten und bei Aktien weniger als sechs Minuten. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass sich die Börse nach wichtigen politischen oder geopolitischen Ereignissen relativ schnell wieder normalisiert, es sei denn, es ist tatsächlich mit langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen. In Europa wird es wohl die Wahl in Frankreich sein, die die größten dauerhaften wirtschaftlichen Auswirkungen haben kann. Sollte Fillon deutlich gewinnen, dürfte sich dies positiv auswirken. Aber auch dann werden sicherlich viele Anleger abwarten, ob er tatsächlich hält was er verspricht. Bei den anderen Wahlen müsste es zu großen politischen Veränderungen kommen, um die Märkte wirklich zu erschüttern, denn man rechnet jetzt schon mit einer geschwächten Angela Merkel, die Deutschland weiterhin regiert, und mit einer chaotischen Koalition in den Niederlanden.

Worauf werden Anleger also stattdessen ihr Augenmerk richten, wenn die Politik in Europa nur kurzfristige Auswirkungen auf die Märkte haben wird? Die Antwort lautet: höchstwahrscheinlich auf die Geldpolitik sowie die tatsächliche Entwicklung der Unternehmensgewinne und der Wirtschaft insgesamt. Die Kluft zwischen der Geldpolitik der EZB und der der Federal Reserve wird sich vergrößern, da die EZB weiterhin einen vergleichsweise expansiven Kurs beibehalten wird, während die US-amerikanische Notenbank die entgegengesetzte Richtung anstrebt und mit einer Normalisierung der Geldpolitik auf bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen reagiert, die durch Trump noch begünstigt werden. Dies sollte – auch ohne politische Umwälzungen in Europa – zu einer weiteren Schwächung des Euro führen, möglicherweise bis zu 20 Prozent gegenüber dem US-Dollar. Auf die europäische Wirtschaft und die Aktienmärkte dürfte dies, selbst in Euro gemessen, stimulierend wirken. Eine nicht abgesicherte Investition in US-Aktien aber hat noch größeres Potenzial.

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