Anleihen aus Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Mexiko und anderen Ländern sind gerade sehr „gefragt“ unter Investoren. Sie bieten eine recht attraktive Rendite, meistens 5 bis 6 Prozent oder sogar mehr, was auch im Verhältnis zum Risiko durchaus vernünftig ist, vor allem in Zeiten, in denen die Zinsen gegen null tendieren.

Welche Risiken sind jedoch außer den Zinsrisiken zu bedenken? Es besteht kein direktes Währungsrisiko, denn diese im Trend liegenden Investitionen lauten auf Euro (oder sind abgesichert) und nicht auf die lokale Währung des ausgebenden Landes. Dafür gibt es ein Kreditrisiko. Vor weniger als zehn Jahren konnte Argentinien beispielsweise seine Anleihen nicht bedienen und nur einen Bruchteil ihres Wertes zurückzahlen. In diesem Zusammenhang hat das Land gerade einen komplizierten Rechtsstreit beigelegt. Mit Venezuela könnte das nächste Land nun bald zahlungsunfähig sein. Aber auch wenn ein Land nicht ausfällt, kann der Preis seiner Anleihen schon erheblich fallen, wenn Investoren ängstlich sind. Dies ist vor ein paar Jahren zum Beispiel in Russland passiert, auch wenn die Preise später größtenteils den verlorenen Boden wieder gut machen konnten.

Brasilien und Russland mit Comeback-Chancen

Für die Bewertung des Kreditrisikos ist der Blick auf das politische und wirtschaftliche Risikopotenzial des jeweiligen Landes aufschlussreich. Drei der größten Emittenten von Anleihen, Brasilien, Russland und Mexiko, sind hierfür ein gutes Beispiel.

Im Mai 2016 wurde die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff des Amtes enthoben, nachdem das Parlament für die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gestimmt und Michel Temer vorübergehend die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Zeitgleich wurden gegen zahlreiche Politiker und Personen Korruptionsvorwürfe erhoben, die in Verbindung mit Petroabras, der größten Ölfirma des Landes, standen. Der Fall der Rohstoffpreise in den letzten Jahren und das Versäumnis der Regierung, Reformen durchzuführen, stürzten die Wirtschaft in eine Rezession.
2015 verzeichnete der Preis für brasilianische Bonds deutliche Einbrüche, während sich die Rezession verschärfte und das Amtsenthebungsverfahren vorangetrieben wurde.
Als sich aber zeigte, dass der Prozess wahrscheinlich einen Machtwechsel nach sich ziehen würde, begannen die Märkte einige ihrer Verluste wieder auszugleichen.
Mitte 2016, also zum Zeitpunkt, als dieser Artikel verfasst wurde, scheint der Preis nun die Risikoabwägung zwischen den offenkundigen wirtschaftlichen Problemen und der möglichen positiven Entwicklung durch Reformen zu reflektieren. Falls durch die Reformen die Diversifikation der brasilianischen Wirtschaft vorangetrieben wird, hat sie großes Potenzial wieder relativ schnell zu wachsen.
Das heißt, viele schlechte Nachrichten sind schon eingepreist, und man kann sagen, dass diese Anleihen annähernd zum fairen Wert notieren, damit zwar nicht gerade günstig sind, dies aber in Anbetracht des Risikos gerechtfertigt ist.

Russland, ein weiterer großer Emittent von Anleihen, hat ähnliche wirtschaftliche Probleme wie Brasilien. Beide Wirtschaftssysteme sind hauptsächlich von Rohstoffen abhängig, aber keines hat den Rohstoffboom von 2008 bis 2013 genutzt, um weitreichende Diversifikationsmaßnahmen in anderen Sektoren zu ergreifen. Die politischen Probleme in Russland sind allerdings völlig andere, da hier die starken geopolitischen Spannungen mit dem Westen im Vordergrund stehen. Die Sanktionen und der Zusammenbruch des Ölpreises haben im letzten Jahr eine Rezession ausgelöst. Allerdings zog die Rezession hier nicht derartig tiefgreifende Auswirkungen nach sich wie in Brasilien. Russland könnte in der zweiten Jahreshälfte allmählich ein leicht positives Wachstum erzielen, besonders da sich der Ölpreis zu stabilisieren scheint. Um jedoch zur höheren Wachstumsrate von vor zehn Jahren zurückkehren zu können, müsste sich die Wirtschaft langfristig diversifizieren.
Projekte wie der Ausbau von Häfen um neue Routen, die sich durch den Klimawandel auftun, bedienen zu können und die Errichtung neuer Touristenattraktionen, passen gut zum derzeitig eher zentralistisch ausgerichteten russischen Wirtschaftssystem.
Ein wichtiger Aspekt für Anleiheanleger ist außerdem, dass Russland begünstigt durch einen Leistungsbilanzüberschuss finanziell stabil ist. Als Reaktion auf den niedrigen Ölpreis hat der russische Staat seine Ausgabenpolitik erfolgreich zurückgefahren und auch der Konsum ist real gesunken. Obwohl sich die russischen Anleihepreise seit Verhängung der Sanktionen in 2014 erholt haben, scheint Russland, auch wenn diese zunächst noch für einige Zeit bestehen bleiben werden, angemessen bewertete Anleihen anzubieten. Ebenso könnte eine mögliche Verringerung der geopolitischen Spannungen mittelfristig eine Abmilderung der Sanktionen erlauben.

Mexiko mit politischen Risiken

Mexiko zeigt als weiterer sehr aktiver Emittent von Anleihen zwar auch eine gewisse Abhängigkeit vom Öl, insgesamt ist die Wirtschaft jedoch deutlich diversifizierter als in Brasilien oder Russland. Der umfangreiche Handel mit Industrieerzeugnissen mit den USA und das dortige Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren haben dazu geführt, dass Mexiko nicht in eine Rezession gefallen ist, als der Ölpreis stark fiel. In Anbetracht der US-Präsidentschaftswahlen im November 2016 lauert hier ein anderes politisches Risiko. Donald Trump hat angekündigt, das Handelsabkommen mit Mexiko beenden und darüber hinaus eine Mauer errichten zu wollen.

Ein internationaler Vertrag kann allerdings nicht ohne lange Verhandlungen geändert werden. Darüber hinaus hat Mexiko als wichtiger Importeur von US-Gütern auch einige Trümpfe in der Hand.

US-Notenbank auf Normalisierungskurs

Es gibt jedoch noch ein weiteres bedeutendes Risiko, welches diese drei Schwellenländer und auch diejenigen, die nur Anleihen in kleinerem Stil emittieren, gemeinsam haben. Und zwar betrifft dies die möglichen Auswirkungen durch den bereits im Dezember 2015 begonnenen und anhaltenden Zinsanhebungskurs der amerikanischen Notenbank (Fed). Nachdem die Fed angekündigt hatte, ihr Programm der Anleiherückkäufe (Quantitative Easing Programm) zu beenden, war der Preis der Anleihen von Schwellenländern im August 2013 stark gefallen. Die Investoren zeigten sich entsprechend besorgt, dass das Wirtschaftswachstum gebremst und die Schuldentilgung seitens der Schwellenländer erschwert werden könnte. Auch gab es Verunsicherungen darüber, ob sich durch eine steigende US-Anleiherendite Investoren von Anleihen aus Schwellenländern fernhalten würden. Die Bedenken erwiesen sich aber als unbegründet und die Preise erholten sich innerhalb von sechs Monaten wieder. Darüber hinaus hat sich die Finanzlage vieler Schwellenländer seit 2013 durch den Abbau ihrer Leistungsbilanzdefizite verbessert. Dies wurde dadurch erreicht, dass die Ausgaben überproportional zu den für ihre Wirtschaftssysteme so wichtigen aber entgangenen Öl- und Rohstofferlösen verringert wurden. Dadurch waren sie weniger anfällig für steigende US-Zinsen.

Auf eine hohe Volatilität muss man sich  als Investor in Anleihen aus Schwellenländern einstellen. Aber als Teil eines breit gestreuten Portfolios, das auch Euro-basierte Anleihen beinhaltet, sind gerade sie ein gutes renditestarkes Diversifikationsinstrument.

 

Bronwyn Curtis Obe

„Schwellenländer wie Brasilen, Russland und die Türkei bieten mehr.“

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