Das nächste Arztgespräch per E-Mail oder via Skype? Davon sind Deutschlands Patienten weit entfernt: Erst der Anruf, dann der Kalendereintrag, dann das Wartezimmer. Und erst dann das Gespräch. Dabei sind viele Länder technologisch bereits so weit entwickelt, dass es auch anders ginge. Und Investoren reißen sich um jene Unternehmen, die so eine medizinische Betreuung 2.0 ermöglichen.

„E-Health“ heißt es dann, wenn Medizin und Technologie den Schulterschluss eingehen, zum Wohl des Patienten. Telemedizin, ein weites Feld. Denn der Begriff umfasst Apps, die zum Beispiel Anzeichen für Depressionen wahrnehmen. Er umfasst aber auch die binäre Bündelung von Patientendaten. Und er meint den schnellen Kontakt zum Arzt – eben all jene Technologien, die den Patienten und dessen schnelle Genesung sowie eine effektive Vorsorge in den Vordergrund rücken.

Die technologische Basis dafür ist in vielen Teilen der Welt vorhanden, leistungsfähige Computer und Smartphones weitverbreitet. Auch die Menschen sind bereit dafür, legt man ihr Medienverhalten zugrunde. Allein in Nordamerika wurden 2015 über 44 Millionen entsprechende Apps heruntergeladen. Und die Zahl der entsprechenden Patente hat sich von 2000 bis 2015 vervielfacht. Ein Tummelplatz für die Großen der Wirtschaft. IBM beispielsweise erhielt jüngst von Techniker Krankenkasse (TK), der zweitgrößten Krankenkasse in Deutschland, den Auftrag, eine elektronische Patientenakte zu entwickeln. Die soll grundsätzliche Daten des Patienten bündeln, aber zum Beispiel auch die Möglichkeit bieten, als binärer Impfpass zu dienen. Der papierlose Patient, wenn man so will. Apple wiederum bietet auf seinen Smartphones seit 2014 einen Dienst, der Informationen wie Schlafmuster, Blutdruck oder Kalorienzufuhr erhebt. Dazu kommen die „Wearables“ wie zum Beispiel Fitness-Armbänder. Und natürlich das Großthema Vernetzung – der Frage also, wie die Daten beispielsweise vom Armband zum Arzt gelangen, zu den Krankenhäusern und zu den Krankenkassen.

Die verborgenen Deals

Ein Riesenmarkt: Der globale E-Health-Markt dürfte von 85 Milliarden in 2014 bis 2022 auf 308 Milliarden Dollar steigen. Und allein dem Feld der Diagnostik wird für die kommenden sieben Jahre ein jährliches Wachstum von 15 Prozent vorhergesagt. Ein wichtiger Treibsatz dieser Entwicklung ist die alternde Gesellschaft. Denn je älter die Menschen werden, umso mehr medizinische Hilfe benötigen sie. Und bereits jetzt leiden beispielweise in den USA rund 120 Millionen Menschen unter mindestens einer chronischen Erkrankung. Gerade bei ihnen kann E-Health ansetzen und zum Beispiel eine technikbasierte Überwachung ohne zeitraubende Arztbesuche gewährleisten.

Der Tech-Branchenverband Bitkom sagt daher voraus, Telemedizin werde in zehn Jahren selbstverständlich sein, zum Beispiel als Online-Videosprechstunde. Investoren der ersten Stunde haben das erkannt. Venture-Capital-Fonds stecken ihr Geld bereits vor einem Börsengang in jene Unternehmen, die von dieser Entwicklung profitieren könnten. Die entsprechenden Geldströme zum Beispiel in Mobile-Health-Apps lagen zuletzt so hoch wie nie. 1,3 Milliarden Dollar wurden dort weltweit im Jahr 2016 investiert. Zum Zeitgeist-Investment wird der Sektor aber nicht nur wegen der augenscheinlich irreversiblen Entwicklung, sondern auch, weil jede Erweiterung des regulatorischen Rahmens die Entwicklung beschleunigt.

Die Europäische Union (EU) zum Beispiel hat einen zweistufigen Plan erdacht – den E-Health-Action-Plan 2004 -2011, gefolgt von Plan 2012 – 2020. Auch in Deutschland tut sich etwas. 2016 wurde das E-Health-Gesetz erlassen, das unter anderem festlegt, das telemedizinische Angebot zu erweitern. Kritik gibt es dennoch: „Wir brauchen eine Dateninfrastruktur, die von allen Akteuren genutzt wird und die mit den zahllosen Teilsystemen unseres Gesundheitswesens kompatibel ist“, schreibt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, in einem Beitrag. „Dabei ist der Gesetzgeber weiter gefordert, der einen rechtlichen Rahmen vorgeben muss, um neue Standards tatsächlich zeitnah durchzusetzen, etwa bei einem modernen Datenschutz, der die Rechte von Versicherten und Patienten wahrt und den medizinischen Fortschritt ermöglicht und nicht verhindert.“ Doch den Trend zur Telemedizin werden auch solche Hindernisse nicht aufhalten.

E-Health ist eine Entwicklung, die vor allem wegen der gesellschaftlichen Veränderungen immer mehr an Schwung gewinnen und damit auch für Investoren immer interessanter wird.

Giles Keating

Es ist eine weltweite Revolution im Gesundheitswesen. Interessant, dass sie in diesem Markt ziemlich spät passiert – verglichen mit anderen Sektoren, etwa Musik oder auch Autos, bei denen es sehr viel schneller ging.

Valérie Plagnol

E-Health bedeutet gerade in Schwellenländern einen grossen Schritt nach vorn, denn die Kosten werden drastisch reduziert und eine gute ärztliche Versorgung mittels Ferndiagnose wird auch in entlegenen Regionen möglich sein. Und es wird auch echte Verbesserungen bei Therapie, Vorsorge und Aufklärung geben.

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