Bankaktien waren lange die Stiefkinder an der Börse. Nicht, weil die Institute vor Jahren im Epizentrum der Finanzkrise standen, sondern eher aus der nüchternen Überlegung heraus, dass sie sich nun einmal stetig strengeren Regulierungen gegenübersehen und Altlasten in ihren Bilanzen abarbeiten müssen. Das kostet nicht nur Nerven, sondern vor allem auch Geld, das bei niedrigen Leitzinsen nun einmal nicht so leicht verdient ist. Und das ist noch nicht alles. Doch von Anfang an.

Banken sind eigentlich klassische Konjunkturprofiteure. Läuft es mit der Wirtschaft, läuft es auch für Banken. Denn Unternehmen denken dann ans Investieren, nehmen Kredite auf, schmieden Übernahmepläne, begeben Anleihen. Genau daran verdienen Banken. Doch ist in so einem Umfeld ein Zeitgeistinvestment zu finden? Einem Umfeld, hell ausgeleuchtet, für alle einsehbar? Nein. So etwas findet sich eher abseits der ausgetretenen Wege. Zum Beispiel in Europa.

Auch dort gibt es bekanntlich eine Reihe Banken. Die indes litten, ganz im Gegensatz zu ihren amerikanischen Konkurrenten, unter dem Euro. Denn die hiesige Währung wurde im Vergleich zum Dollar immer stärker und ließ die Banken Europas damit weniger wettbewerbsfähig wirken als die US-Konkurrenz. Zahlen gefällig? Seit Mai vergangenen Jahres wertete der Euro im Vergleich zum Dollar um mehr als 10 Prozent auf. An der Börse reagierte man mit gerunzelter Stirn. Die einfache Überlegung der Investoren: Niedrigere Wettbewerbsfähigkeit bedeutet niedrigere Attraktivität. Entsprechend litten die Papiere ab Mai 2017. Auf den ersten Blick eine folgerichtige Überlegung. Denn der starke Euro lastet ja tatsächlich auf den Exportaussichten vieler Unternehmen und das wiederum beeinträchtigt die Chancen der Banken. Doch gemach.

Gegenwind, aber Unterströmung

Eine Studie von Barclays belegt, dass Banken und auch Unternehmen aus anderen Sektoren in der Tat mit dem Gegenwind des starken Euros zu kämpfen haben, dafür aber von einer kräftigen Unterströmung profitieren. Denn die gesamtwirtschaftliche Situation des vermeintlich alten Kontinents lässt sich durchaus sehen. Europas Statistikbehörde Eurostat zum Beispiel protokolierte für das zweite Quartal 2017 einen Anstieg der Wirtschaftsleistung von 2,3 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresviertel. Ein vergleichbar starker Anstieg wurde zuletzt 2011 gemessen, im ersten Quartal. Quell dieser Unterströmung ist das hochgesetzte chinesische Wachstum, das stabile Wachstum in den USA und die relativ betrachtet niedrigere Wachstum der Arbeitskosten.

Der Markt hat diese Konstellation nur zum Teil wahrgenommen – nämlich den Währungsteil. Noch immer dominiert Skepsis, die immer wieder gefüttert wird. Eine Studie des Beratungshauses Bain & Company zum Beispiel zeigt, dass jede vierte europäische Bank um ihr Überleben ringt. Die Skepsis ist also kein Wunder. Und sie hat die Kurse der Aktien fallen lassen.

Bankaktien sind nur noch halb so teuer wie 2008. Wegen der skizzierten Skepsis, wegen der Erwartung des Marktes, das Verbrauchervertrauen werde um 20 Punkte sinken, heißt es in der Analyse von Barclays. Das wiederum hätte die Geschäfte der Banken erschwert. Doch es kam anders.

Das Vertrauen in die Zukunft in Europa ist mit 87 Punkten Beispiel gemessen am Vertrauensbarometer von Nielsen zwar eher mäßig ausgeprägt. Doch in Deutschland, der Wirtschaftslokomotive Europas, steht man breitschultrig da. Mit Blick auf die folgenden 12 Monate lag der Vertrauenswert im dritten Quartal 2017 bei 102 Punkten. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 100 Zähler. Anders gefasst: Gut halb Deutschland schätzt seine finanzielle Lage mit „gut“ oder „sehr gut“ ein. Und alles über 100 Punkten ist ein in Zahlen gefasstes „Daumen hoch“. Dass bedeutet: Zwar ist der starke Euro für Europas Banken kein Grund zum Jubeln – doch die Treiber ihres Wachstums werden davon nicht in dem Maße beeinträchtigt wie die Seismographen an der Börse es verzeichnen. Im Gegenteil, Banken können eher in so einem Umfeld florieren als Unternehmen aus anderen Sektoren. Höher als prognostizierte Erträge und das auch noch nachhaltig, so die Barclays-Studie, das klingt schon viel mehr nach einem Zeitgeist-Investment. Anders als zum Beispiel Healthcare-Unternehmen, denen der starke Euro tatsächlich zusetzt. Zeitgeist ist eben auch, bei vermeintlich klaren Befunden noch einmal hinzusehen.

Von so einem Umfeld können Anleger auf zwei Wegen profitieren. Barclays selbst nennt bestimmte Banken, die zu den Profiteuren der Entwicklung gehören könnten. Einzelwetten können aufgehen, müssen es aber auch nicht. Zeitgeist-Investments sind in der Regel gestreut; über viele Banken und auch Banken außerhalb der Eurozone, zum Beispiel aus Skandinavien und der Schweiz – der iShares Euro Stoxx Banks ETF zum Beispiel macht es möglich. Nur die Brexit-gebeutelten Banken aus Großbritannien bleiben außen vor. Denn der wirkt eher wie ein Schreckgespenst denn wie ein Zeitgeist.

Europas Banken sind einen zweiten Blick wert – unter anderem, weil Mainstream-Anleger sie aus Sorge vor dem starken Euro links liegen.

Giles Keating

Die Banken haben die meisten ihrer faulen Kredite abgetragen; sie haben ihre Kapitalbasis wieder aufgebaut und die Konjunktur zieht an. Und der schlimmste Druck auf die Banken von Seiten der Politik liegt jetzt hinter uns. Darüber hinaus steigen die Zinsen wieder. Das alles spricht dafür, dass jetzt ein günstiger Zeitpunkt für die Banken ist, wieder Boden gut zu machen.

Robert Halver

Aktuell sind die meisten negativen Faktoren wie auch das Thema Regulierung in den schwachen Kursen von Bankaktien enthalten. Viel kann da eigentlich nicht mehr passieren. Hier sollte man das Positive sehen: Etwas höhere Zinsen am langen Ende, was die Renditen angeht, hilft ihnen über die schlechte Zeit hinweg.

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