Europa, das ist für viele Anleger Deutschland, Frankreich oder die Niederlande. Aber Finnland oder Dänemark? Sind auf der Landkarte vieler Investoren nur weiße Flecken. Das ist ein Fehler, wie schon ein schneller Blick auf die Kerndaten der Länder zeigt. Denn die meisten haben durch eine ungewöhnliche Kombination von Staat und Ökonomie eine lukrative Nische im globalen Wirtschaftsgefüge gefunden. Das rechnet sich.

Beispiel Dänemark, Deutschlands direkter nördlicher Nachbar. Dessen jüngste Zahlen zeigen – die Wirtschaft stieg im ersten Quartal 2017 stärker als erwartet. Und auch das zweite Quartal sieht vielversprechend aus. Im Mai zogen zum Beispiel die Exporte wieder an. Und im Juni stiegt der Geschäftsklimaindex so hoch wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Wirtschaft wird oft als Wohlfahrtsstaat mit gerechter Umverteilung skizziert. Freilich, auch in Dänemark glänzt die Wirtschaft nicht nur. Eine alternde Bevölkerung und hohe Schulden zum Beispiel lasten auf dem Haushalt. Doch das sind mittelfristige Herausforderungen. Und Herausforderungen hat sich das Land bisher mit nordischen Stoizismus erfolgreich gestellt.

Auch weiter nördlich glänzt der Norden, zumindest teilweise. Schweden hat es mit einer Mischung aus High-Tech-Kapitalismus und Wohlfahrtssystem zu einem hohen Lebensstandard gebracht. Anders als Dänemark, sind sie kein Euro-Mitglied. Dennoch sind sie per Außenhandel eng mit anderen Ländern verzahnt. Holz, Wasserenergie oder auch Eisenerz sind begehrte Güter im Export. Ähnlich wie Dänemark musste auch Schweden in der jüngeren Vergangenheit kämpfen: 2008 rutschte das Land in die Rezession. Erst 2010 ging es wieder aufwärts, hohe Rohstoffexporte und ein erstarkter Bankensektor brachten das Land wieder auf Erholungskurs. Im Juni diesen Jahres zum Beispiel zeigte sich die Messung des Einkaufsmanagerindex einmal mehr über dem Pegelstand von 50 Punkten und signalisierte damit gute Stimmung. Auch die Untersuchung des Verbrauchervertrauens wies in die gleiche Richtung. Von der Dunkelheit skandinavischer Frostnächte kündet derzeit nur vor allem die rekordhohe Verschuldung der Haushalte.

Noch deutlicher zeigt sich die skandinavische Sicht auf die Ökonomie in Norwegen. Dort wirkt eine leistungsstarke Privatwirtschaft mit einem breitschultrigen Staat zusammen, der ein federndes soziales Sicherheitsnetz gespannt hat. Das Geld dazu liefert unter anderem einer der Exportschlager des Landes – Norwegen ist rohstoffreich. Öl macht beispielsweise 20 Prozent der Exporte des Landes aus, es ist damit siebtgrößter Ölexporteur der Welt. In Sachen Gasausfuhr liegt Norwegen sogar auf Rang 3. Teile dieses Wohlstands transferieren die Norweger in einen Staatsfonds, mit rund 860 Milliarden Euro Volumen der größte der Welt. Er soll unter anderem helfen, das Land auf die Zeit vorzubereiten, in der Rohstoffe eine geringere Rolle spielen. Unter dem Strich fahren die Norweger mit diesem Modell gut. Zwischen 2004 und 207 stiegt die Wirtschaftsleistung stetig, um 2008 sich zu verlangsam und 2009 zurückzufallen. Doch schon 2010 kehrt das Land wieder in die grünen Zahlen zurück.

Der vierte der nordischen Bausteine ist Finnland. Das Land hat eine Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung ähnlich hoch wie die von Österreich, Belgien, den Niederlanden oder Schweden. Ein Drittel dieser Wirtschaftsleistung macht der Export aus. Ihren Weg in die Welt finden Rohstoffe wie Holz und Metalle, aber auch Telekommunikations- oder Elektronikgüter wie zum Beispiel Mobiltelefone. Mit dieser Kombination war Finnland eines der wachstumsstärksten Länder der Europäischen Union. Seine Banken zum Beispiel konnten die heftigsten Wirbel der Finanzkrise umschiffen. Gänzlich lösen konnte man sich dennoch nicht vom Umfeld, so dass die Wirtschaft 2009 in unruhiges Fahrwasser geriet. Inzwischen aber zeigt die Wirtschaft wieder Zeichen der Stärke, dem guten ersten Quartal dürfte ein gutes zweites Jahresviertel folgen. Das Vertrauen der Konsumenten ist robust, ebenso die Nachfrage aus dem Ausland nach finnischen Gütern. Zweistellig wuchsen die Exporte zum Beispiel im Mai. Einziger Wermutstropfen: Die Arbeitslosigkeit stieg etwas seit Beginn des Jahres und das landesweite Einfrieren der Gehälter ließ die Stimmung etwas abkühlen – aber eben nur etwas.

Kanada erinnert ein wenig an die USA, mit seinem Wohlstand und seinem Wirtschaftssystem. Seit Ende des zweiten Weltkriegs ging es aufwärts mit dem Land. Und als 1989 das FTA-Freihandelsabkommen mit den USA und 1994 das weiter gefasste Freihandelsabkommen NAFTA geschlossen wurde, legten Handel und wirtschaftliche Integration mit den USA weiter zu. Immerhin drei Viertel des kanadischen Exports strömt zum südlichen Nachbarn. Mit dabei sind Uran, Öl oder Gas. Doch Kanada bietet auch hochqualifizierte Arbeitnehmer. Gemeinsam mit dem Rohstoffreichtum mündet diese Kombination in einem dauerhaft soliden Wirtschaftswachstum zwischen 1993 und 2007, das erst durch die Weltwirtschaftskrise eingebremst wurde. Doch anders als viele andere Länder konnte sich Kanada auf seine Banken verlassen, die dank konservativen Geschäftsgebahrens zu den bestkapitalisiertesten der Welt gehören. Keine schlechte Kombination.

In der Summe führt das dazu, dass die Nordländer sich aus Werthstein-Sicht aus dem Schatten der üblichen Anlageländer herausschieben. Mit einem etwas anderen Wirtschaftsmodell, einem anderen Herangehen an Gesellschaft und Staat. Und damit ein echtes Zeitgeist-Investment sind.

Die wirtschaftliche Musik Europas spielt in Deutschland & Co? Die lauteste sicherlich. Stillere Töne kommen aus den Nord-Ländern wie Dänemark oder Finnland. Aber sie sind nicht weniger melodiös in den Ohren von Investoren. Damit sind Aktien dieser Länder eine klangvolle Beimischung für Portfolio.

Valerie Plagnol

Die nordischen Länder haben vieles gemeinsam. Unter anderem gehören sie zu den Ländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum pro Kopf. Ausserdem haben sie Sozialreformen durchgeführt und die Staatsverschuldung abgebaut. Sie sind stark abhängig vom Export an ihre grossen Nachbarn, sei es die USA im Fall von Kanada oder die EU bei den Skandinaviern. Aber da der Handel mit der EU zurzeit anzieht, sind die Aussichten gut.

Robert Halver

Skandinavien war ja lange Zeit quasi sozialistisch: Staatswirtschaft, hohe Steuern, eine unbewegliche Wirtschaft: Da hat man draus gelernt, gerade in Schweden, das Pippi-Langstrumpf-Land, hat man begriffen dass Marktwirtschaft ihre Reize hat und hat es geschafft, auch in Punkto Digitalisierung weit nach vorne zu kommen. Also Schweden kann man nicht mehr gleichsetzen mit einer Unbeweglichkeit, Schweden ist sehr beweglich geworden und ich behaupte, sehr viele Länder in der Eurozone könnten sich in Punkto Beweglichkeit sehr viele Scheiben von Schweden abschneiden.

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