„Incredible India“ lautet der Slogan, der Touristen nach Indien locken soll. Unglaubliches Indien und die Hochglanzbilder schneebedeckter Berge, exotischer Paläste und sonnendurchglühter Strände unter Palmen. Die Vision eines „Incredible India“ war es auch, die Investoren am Subkontinent reizte. Eine wachsende und qualifizierte Bevölkerung, englischsprachig und Computer-affin – allein mit diesen Faktoren musste das Land im globalen Wettbewerb punkten können. Doch lange blieb das alles nur ein Versprechen, versandet irgendwo zwischen politischen Ineffizienzen und dem übermächtigen Rivalen China. Doch etwas hat sich verändert, Indien könnte tatsächlich „incredible“ werden.

Es sind Zahlen, sind Hochrechnungen, die zu diesem Schluss führen. So soll in Indien zum Beispiel bis 2050 die Wirtschaftsleistung pro Kopf und Jahr um vier Prozent ansteigen. In China sind es nur rund drei Prozent, in den USA nur 1,5 Prozent. Anders gerechnet bedeutet das, die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung Chinas läge 2050 bei 40 Prozent des vergleichbaren US-Wertes, Indien bei 26 Prozent, wie China jetzt. Doch während das Reich der Mitte sein Erweckungserlebnis als wirtschaftlicher Riese unter Führung von Deng Xiaoping in den 80er Jahren erlebt hat, scheint Narendra Modi nun in Indien eine vergleichbare Phase einzuläuten. Das lässt Investoren hoffen. Zum Beispiel, weil der Politiker das großflächige Land tatsächlich zu einer wirtschaftlichen Einheit macht. So sorgt die GST-Einführung für eine deutliche Steuererleichterung. GST steht für “Goods and Services Tax”, einer Art Mehrwertsteuer auf Güter wie Dienstleistungen gleichermaßen. “Umfassend“ sei sie, urteilt das Beratungshaus E&Y. Und bei Rödl & Partner heißt es, so werde eines der „weltweit komplexesten Umsatzsteuersysteme radikal vereinfacht.“ Das schafft in unseren Augen einen echten Binnenmarkt des Subkontinents. Gut für Unternehmen, gut für das Land.

Freilich gehört noch einiges auf die Agenda. Wenn man so will, vor allem drei Hausaufgaben. Sind die abgearbeitet, wäre das Land tatsächlich ein Zeitgeist-Investment, das Tor zu einem langfristig nachhaltigen Aufwärtstrend zumindest aufgestoßen.

Drei Hausaufgaben

Aufgabe 1: die Bildung. Denn eine wachsende Bevölkerung ist nur dann ein Plus im Kampf um Investitionen, wenn das Bildungsniveau mitzieht und den Unternehmen ausreichend qualifizierte Mitarbeiter für weiteres Wachstum zur Verfügung stehen.

Die zweite Aufgabe ist der Schutz der Umwelt. Steigt die Wirtschaftsleistung, steigt oft auch der Grad der Urbanisierung – die Menschen ziehen für die Jobs vom Land in die Stadt. Dieser Entwicklung muss die Infrastruktur standhalten können. Doch vielleicht gelingt es Indien, sich dieser Aufgabe auch ohne den Rückgriff auf fossile Brennstoffe zu stellen.

Und drittens muss das Land über seine Außenwirtschaft nachdenken. In den kommenden zehn Jahren könnte sich der indische Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt verdoppeln. Zwar würde er dann noch immer bei 0,6 Prozent liegen, was sich im Vergleich zu den 3,3 Prozent von China bescheiden ausmachte. Doch im Licht der derzeitigen politischen Skepsis gegenüber der Globalisierung wird diese Entwicklung mit Fingerspitzengefühl gelenkt werden müssen.

Klingt machbar? Dann bleibt vor allem nur noch eines, eine kurzfristigere Herausforderung – mehr Investments ins Land zu locken.

Zwar wuchs die Wirtschaftsleistung pro Kopf statistisch seit 37 Jahren um rund 4,5 Prozent im Jahr, wie das Wirtschaftsministerium nicht ohne Stolz vermeldet. Doch noch ziehen die Investoren nicht mit. Unter anderem, skizziert ein Bericht des indischen Finanzministeriums, weil die Unternehmen mit Schulden zu kämpfen haben. Umstrukturierungen zum Beispiel stünden daher an.

Viel Arbeit freilich. Aber genau das macht ein Zeitgeist-Investment aus – die Identifikation einer positiven Entwicklung, bevor der Katalysator seine beschleunigende Wirkung entfaltet. Denn gelingen Modi tatsächlich seine Hausaufgaben, ließe sich tatsächlich vom „Incredible India“ sprechen.

Giles Keating

Ich halte es für sehr wichtig, die indischen Aktien mit großer Sorgfalt auszuwählen. Das bedeutet, dass man nicht nur die Standardwerte bevorzugt, die im bekannten Sensex-Index notiert sind, der gerade so hoch wie nie steht, sondern ein breiteres Spektrum ins Auge fassen sollte.

Valerie Plagnol

Die indische Regierung ist sehr stark darauf ausgerichtet, das Land weiter zu öffnen. Die wahren Herausforderungen sind die Verbesserung des allgemeinen Bildungsniveaus und die Einkommensverteilung, um die Verbraucherbasis zu vergrössern. Ich glaube, dass es viele Investitionsgelegenheiten gibt, ob in der Infrastruktur oder im Dienstleistungssektor.

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