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‚Trumponomics‘ – Europa und Japan zahlen die Zeche

  • Japan und Europa werden das Geld drucken müssen, das Donald Trumps Konjunkturprogramm finanziert
  • Trump übertrifft Reagans fiskalpolitische Pläne noch einmal um die Hälfte
  • Euro droht der Rutsch unter 0,90 US-Dollar, Yen hat Potenzial unter 130 US-Dollar
  • Positiver Ausblick für die Aktienmärkte, insbesondere die Wall Street
  • Durch Trumps Wirtschaftspolitik aber nehmen die politischen Risiken in Europa zu

Der Clou der ‚Trumponomics’ besteht darin, dass mit billigem Geld aus dem Ausland ein groß angelegtes Konjunkturprogramm in den USA bezahlt werden soll. Europa und Japan versuchen ihre schwächelnde Wirtschaft durch kurzfristig negative Zinsen und Wertpapierkäufe anzukurbeln. Da die Nachfrage nach Krediten in diesen Ländern aber zu gering ist, werden sie letztlich ihre hohen Leistungsbilanzüberschüsse dafür nutzen, die Steuersenkungen in den USA und den Wiederaufbau der maroden amerikanischen Infrastruktur zu finanzieren. Auf diese Weise werden Arbeitsplätze in den USA geschaffen und die Löhne für Arbeiter, die Trump gewählt haben, steigen. Im Normalfall führen solche fiskalpolitischen Stimuli zu steigender Inflation und steigenden Anleiherenditen. Am Ende droht eine Schuldenkrise. Aktuell allerdings sind diese Risiken gebannt, da anderswo viel billiges Geld zur Verfügung steht.

“Ich bin derjenige, der den Billionen-Dollar-Infrastrukturplan auf die Beine stellen wird. Mit negativen Zinssätzen in der ganzen Welt bietet sich nun die absolute Chance für einen groß angelegten Wiederaufbau”, sagte Steve Bannon, Chefstratege und Berater des designierten Präsidenten in einem Interview.

Europa und Japan selbst würden nur wenig profitieren, positiv würde sich immerhin die Schwäche von Euro und Yen auswirken. Unter dem Strich dürfte die US-Wirtschaft der Hauptnutznießer dieser Politik sein. Ein steigender Dollar-Kurs, der tendenziell die Reallöhne in der Eurozone drückt, ohne dabei viele neue Arbeitsplätze zu schaffen, könnte überdies die politischen Risiken in Europa verschärfen.

Rasanter Anstieg der US-Staatsverschuldung

Die Staatsverschuldung der USA soll Schätzungen des „Congressional Committee for a responsible Budget“ zufolge von jetzt 77 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 105 Prozent in den nächsten zehn Jahren steigen. Allerdings kannten die Experten zu diesem Zeitpunkt den Umfang der Infrastrukturpläne von Trump nicht, daher wurden die Kosten einfach auf Null gesetzt. Eine zusätzliche Billion US-Dollar würde eine noch einmal fünf Prozent höhere Verschuldung bedeuten. Damit läge der jährliche Zuwachs der Verbindlichkeiten bei etwas über drei Prozent. Dies wäre für eine Wirtschaft, die laut mancher Erhebungen beinahe eine Vollbeschäftigung aufweist, ein enormer Impuls. Das ist im Vergleich zur Regierung Reagan ungefähr anderthalb Mal schneller.

Die Eurozone und Japan setzen mit ihrem kraftlosen öffentlichen und privaten Kreditwachstum in erster Linie auf eine expansive Geldpolitik, um eine Deflation zu verhindern. Die US-Notenbank dagegen ist in anderer Richtung unterwegs. Janet Yellen hat eine Zinsanhebung im Dezember verbal bestätigt. Obwohl sie das Tempo weiterer Schritte herunterspielt, ist es doch wahrscheinlich, dass die Zinssätze rascher steigen werden, um einem zunehmendem Inflationsdruck vorzubeugen. Durch die Divergenz der Geldpolitik ist zwischen amerikanischen und ausländischen Anleiherenditen eine große Kluft entstanden. Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen liegt aktuell um zwei Prozentpunkte über der für zehnjährige Bundesanleihen. Das ist der größte Abstand seit 27 Jahren, im Vergleich zu japanischen Anleihen ist die Differenz sogar noch beträchtlicher. Das regt einen Kapitalfluss von Europa und Japan in die USA an und verhilft dem Dollar zur Aufwertung.

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Starker Dollar schickt Euro und Yen auf Talfahrt

Ein Indikator für die weitere Entwicklung des US-Dollar ist das Szenario, wie es sich nach Ronald Reagans angekündigter fiskalischer Expansion abzeichnete. Auch nach dem Anstieg der vergangenen Monate müsste der Greenback noch weitere 30 Prozent steigen, um den Wert zu Zeiten der ‚Reagonomics’ zu erreichen. Diese Erwartungen beruhen auf einem inflationsbereinigten Währungskorb gegenüber dem Dollar. Wir lägen sogar näher an einem 40-prozentigen Zuwachs, wenn keine Anpassungen für die Inflation vorgenommen werden. Zudem plant Donald Trump eine größere fiskalische Expansion als Ronald Reagan. Auch wenn der Kongress nicht all seinen Plänen zustimmen wird, könnte die Divergenz in der Geldpolitik letztlich doch größer sein als zu Reagan-Zeiten. Mit einem aktuellen Kurs des Euro um 1,06 US-Dollar und einem Yen um 111 US-Dollar würde eine weitere Abschwächung von 30 Prozent bedeuten, dass der Euro Potenzial bis 0,80 und der Yen bis 140 US-Dollar hat. Das wird sicher nicht in einem Rutsch passieren, aber Investoren sollten das Risiko, dass Euro unter 0,90 und Yen unter 130 US-Dollar fallen, realistischer Weise mit einkalkulieren.

Der Protektionismus wird wahrscheinlich keinen Handelskrieg auslösen

Der designierte Präsident hat seit der Wahl relativ wenig über seine Handelspolitik verlautbaren lassen. Überdies gibt es Berichte über erhebliche Unstimmigkeiten unter seinen Beratern. Der Ausblick ist damit mehr als ungewiss. Was wir wissen ist, dass alle Präsidenten umfangreiche Exekutivbefugnisse haben, wenn es darum geht, die Handelsbestimmungen ohne Zustimmung des Kongresses zu verschärfen. Es lässt sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht so viel sagen, dass diese gezielt genutzt werden, um arbeitsintensiven US-Sektoren medienwirksam deutliche Gewinne zu bescheren, während breit angelegte Maßnahmen vermieden werden, die einen Handelskrieg auslösen könnten. Es ist ein schwieriger Balanceakt, aber die USA befinden sich in einer mächtigen Position.

Eine begrenzte Form des Protektionismus könnte die fiskalische Expansion und die steigenden Zinssätze der ‚Trumponomics’ begleiten, indem sie die negativen Effekte auf die Leistungsbilanz abfedert. Für die Wahlkreise des Präsidenten im Landesinneren der USA könnte dies sehr interessante wirtschaftliche Effekte auslösen. Die Nominallöhne würden erheblich steigen, da Infrastrukturinvestitionen, Steuersenkungen und gezielte neue Zollbarrieren eine Überhitzung des Arbeitsmarkts zur Folge haben. Der steigende Wechselkurs würde sicherstellen, dass dies nicht zu rasant steigenden Verbraucherpreisen führt, weshalb die Löhne in einem guten Tempo weiter stiegen. Mehr Arbeitsplätze und eine höhere Kaufkraft wären nach Jahren der Einschränkung eine willkommene Belohnung für jene Wähler, die Donald Trump ins Weiße Haus verholfen haben.

Positivem Ausblick für Aktienmärkte stehen politische Risiken gegenüber

Für den US-Aktienmarkt müssen insgesamt die Vorteile eines höheren Wirtschaftswachstums gegen den Druck der steigenden Löhne abgewogen werden. Auch in diesem Zusammenhang ist der Umfang von Trumps Plänen entscheidend: eine nachhaltige fiskalische Expansion von etwa drei Prozent jährlich ist so hoch, dass sie eine Erholung der Reallöhne erlauben würde, während zugleich das Gewinnwachstum beschleunigt würde. Sollte auch nur annähernd ein solches Szenario erreicht werden, könnte dies zu weiteren beträchtlichen Kursanstiegen im Aktienmarkt führen. Während einige Sektoren unter einer Aufwertung des Dollar leiden würden, ist die Währungsentwicklung insgesamt ein positiver Faktor für US-Investitionen von Anlegern aus Europa. Außerdem wäre das stärkere Wirtschaftswachstum in den USA in Verbindung mit der verbesserten Wettbewerbsfähigkeit aufgrund des schwachen Euro ein großer Vorteil für Investitionen in Europa. Überdies dürfte sich der Schaden durch Protektionismus in Grenzen halten, wenn sich die oben aufgeführten Argumente als richtig erweisen.

Ein Risiko dieser Prognose liegt darin, dass die europäischen Reallöhne stagnieren, während die Einfuhrpreise steigen. Aufgrund der dann offenkundig durch die USA verursachten Arbeitsplatzverluste würde sich Unmut breit machen, auch wenn die tatsächliche Anzahl eher gering wäre. Die wirtschaftspolitische Reaktion darauf aber wäre im Endeffekt eine Übernahme der ‚Trumponomics’ mit der Aufhebung der fiskalpolitischen Sparmaßnahmen und großen neuen Ausgabenprogrammen, die durch billiges Geld finanziert würden. Die Gefahr aber ist, dass die Denkweisen des politischen Establishments so festgefahren sind, dass schließlich nur politische Kräfte von außen den Wandel herbeiführen können. Mit den anstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland im nächsten Jahr und wichtigen Abstimmungen in vielen anderen Ländern bleiben die politischen Risiken für Investoren in Europa hoch.

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